Buchempfehlungen Belletristik

Abbie Greaves: Hör mir zu, auch wenn ich schweige

(übersetzt von Pauline Kurbasik, Fischer Verlage 2020)

Frank hat seit sechs Monaten nicht mehr mit seiner Frau Maggie gesprochen. Sie haben unter demselben Dach im selben Bett geschlafen und zusammen gegessen – schweigend. Maggie kennt den Grund für sein Verstummen nicht. Erst als sich an einem Abend alles auf Leben und Tod zuspitzt, beginnt Frank die Geheimnisse zu enthüllen, die ihn zum Schweigen brachten.

Ein klug und spannend geschriebener Roman über die Wichtigkeit des Miteinanderredens, der Liebe und des Respekts füreinander. Ein Roman, der zum Nach- Mit- und Weiterdenken anregt.


Inès Bayard: Scham
aus dem Französischen übertragen von Theresa Benkert
Paul Zsolnay Verlag, 2020
224 Seiten
22,00 €

Dieser Roman beginnt mit einem Paukenschlag. Als LeserIn ist man fassungslos angesichts der geschilderten Anfangssituation. Doch ist das wirklich der Anfang? Oder das Ende?
In Rückblenden erfahren wir, was die Protagonistin Marie zu ihrer Verzweiflungstat getrieben hat.
Wir werden ZeugInnen, wie ein schreckliches Erlebnis ihrem eigentlich unbeschwerten Dasein und all ihren Zukunftsplänen ein jähes Ende bereitet, wie sie sich immer tiefer in den Strudel ihrer eigenen Verzweiflung fallen lässt, wie sie sich selbst immer mehr verliert und ihr nach und nach alle Möglichkeiten, diese Abwärtsspirale aufzuhalten, entgleiten, so dass ihre am Anfang des Romans geschilderte Tat als einzig möglicher Ausweg erscheint…

_______________________________________________________________

Aksel Sandemose „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“

Übersetzung von Gabriele Haefs, Guggolz Verlag 2019


Der 1955 in einer überarbeiteten und kommentierenden Fassung erschienene Roman ist ein Entwicklungsroman über Sandemoses Alter Ego Espen Arnakke, doch auch gleichzeitig ein großer Gesellschaftsroman über das ländliche Skandinavien. Aksel Sandemose lässt seinen Protagonisten erzählen, wie er vermeintlich zum Mörder wurde. Er geht ins Detail, holt psychologisch in früheste Kindheit aus, und entwirft mit einer Fülle an Beobachtungen, Reflexionen und Anekdoten aus dem fiktiven Ort Jante ein Panorama von kleingeistiger, beklemmender Gemeinschaft an der Schwelle ins 20. Jahrhundert. Der Autor steckte all seine Wut, seine Verzweiflung über andere und sich selbst und seinen unbändigen Freiheitsdrang in diesen Roman. Er spottet, beleidigt, empört sich, deutet, verurteilt – gnadenlos mit sich und anderen, aber auch erstaunlich klar auf den Grund der Dinge dringend.
Aksel Sandemose (1899–1965) hat sich mit diesem Roman fest in die Literaturgeschichte Skandinaviens eingeschrieben.
»Jantes Gesetz«, das bis heute fuür die skandinavische Mentalität steht, als Mahnung für die gesellschaftliche Gleichheit und gegen die Selbstuüberschätzung, hat ihr seinen Ursprung:

  1. Du skal ikke tro at du er noe. – Du sollst nicht glauben, etwas zu sein.
  2. Du skal ikke tro at du er like så meget som oss. – Du sollst nicht
    glauben, so viel zu sein wie wir.
  3. Du skal ikke tro du er klokere enn oss. – Du sollst nicht glauben, klüger
    zu sein als wir.
  4. Du skal ikke innbille deg du er bedre enn oss. – Du sollst dir nicht
    einbilden, besser zu sein als wir.
  5. Du skal ikke tro du vet mere enn oss. – Du sollst nicht glauben, mehr zu
    wissen als wir.
  6. Du skal ikke tro du er mere enn oss. – Du sollst nicht glauben, mehr zu
    sein als wir.
  7. Du skal ikke tro at du duger til noe. – Du sollst nicht glauben, zu
    irgendetwas zu taugen.
  8. Du skal ikke le av oss. – Du sollst nicht über uns lachen.
  9. Du skal ikke tro at noen bryr seg om deg. – Du sollst nicht glauben,
    irgendjemand interessiere sich für dich.
  10. Du skal ikke tro at du kan lære oss noe. – Du sollst nicht glauben, uns
    irgendetwas beibringen zu können.

Gabriele Haefs geniale Übersetzung macht diesen Entwicklungsroman, die Widersprüche, Höhen und Tiefen eines Lebens, zu einem Leseerlebnis ohnegleichen.
Weitere Informationen und eine Leseprobe finden Sie auf der Verlagsseite des Guggolz Verlages
http://www.guggolz-verlag.de/ein-fluechtling-kreuzt-seine-spur

_______________________________________________________________________

Helen Wolff: Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle Verlag 2020


Hintergrund für Liebe, der Roman eines Sommers, entstanden 1932/33,
erzählt die Geschichte des Beginns einer großen Liebe während einer Flucht auf Zeit aus den kippenden Verhältnissen in Deutschland.
Der zwanzig Jahre ältere Mann, ein Bonvivant und Ladies‘ Man, muß von der jungen Frau , die mit ihm im Auto nach Südfrankreich reist, erst verlassen werden, damit er begreift, was in dieser Beziehung – und im Leben – wirklich zählt. Sie verzichtet auf ihn, zieht sich nach Saint-Tropez in ein winziges Häuschen im Schilf zurück, lebt ihr eigenes Leben, findet neue Freundschaften und Ruhe in sich selbst.
Der Mann trifft sie zufällig wieder und ist beeindruckt von ihrer Kraft und
Unabhängigkeit. Doch leicht macht sie ihm den Beginn eines gemeinsamen
Lebens nicht. Sie fordert von ihm grundsätzliche Veränderungen in seiner
Haltung zu sich und der Welt und eine Rückkehr zur Einfachheit.
Am Schluß hat die junge, mittellose, unerfahrene Frau dem älteren,
wohlhabenden, erfahrenen Mann den Hintergrund für Liebe, den er ihr zum Geschenk machen wollte, einfach aus der Hand genommen, radikal
verändert und ihm zurückgeschenkt.

Helen Wolff (1906-1994) ist vor allem als legendäre Verlegerin bekannt. Ihre
eigenen Theaterstücke und Romane, die in den frühen dreißiger Jahren
entstanden, hielt sie unter Verschluß. In München arbeitete sie seit 1928 für den Kurt Wolff Verlag. 1933 heiratete sie Kurt Wolff und emigrierte mit ihm nach Frankreich. Im New Yorker Exil bauten sie 1942 gemeinsam den Verlag Pantheon Books auf. Als Verlegerin eroberte sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit zahlreichen deutschen und europäischen Schriftstellern (so Günter Grass, Max Frisch, Uwe Johnson, Italo Calvino) den US-amerikanischen Buchmarkt. Ab 1961 veröffentlichte sie die Werke ihrer Autoren in der Reihe »Helen and Kurt Wolff Books« bei Harcourt, Brace & World, für die sie – Kurt Wolff starb 1963 – bis 1981 verantwortlich war. Das Manuskript des Romans Hintergrund für Liebe aus ihrem Nachlaß wird nun zum ersten Mal veröffentlicht.


Marion Detjen ergänzt diesen deutlich autobiographischen Roman Helen
Wolffs mit einem Essay, der die Situation Kurt und Helen Wolffs in den ersten Jahren ihres gemeinsamen Lebens und Arbeitens schildert.


Weitere Informationen und eine Leseprobe finden Sie auf der Verlagsseite
des Weidle Verlags
http://www.weidleverlag.de/w/?page_id=188&bid=232