Archiv der Kategorie: Buchpreis

Preis der Leipziger Buchmesse 2017

gewonnen haben 2017

in der Kategorie Belletristik: Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“

in der Kategorie Sachbuch: Barbara Stollberg-Rilinger: „Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit”

in der Kategorie Übersetzung: Eva Lüdi Kong für „Die Reise in den Westen“

Herzlichen Glückwunsch an alle Nominierten und Preiträgerinnen!

Nominierte in der Kategorie Belletristik

Lukas Bärfuss: „Hagard“ (Wallstein Verlag)
Brigitte Kronauer: „Der Scheik von Aachen“ (Klett-Cotta)
Steffen Popp: „118“ (Kookbooks)
Anne Weber: „Kirio“ (S. Fischer)
Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“ (Rowohlt)

Nominierte in der Kategorie Sachbuch/Essayistik

Leonhard Horowski: „Das Europa der Könige“ (Rowohlt)
Klaus Reichert: „Wolkendienst“ (S. Fischer)
Jörg Später: „Siegfried Kracauer“ (Suhrkamp)
Barbara Stollberg-Rilinger: „Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit” (C.H.Beck)
Volker Weiß: „Die autoritäre Revolte“ (Klett-Cotta)

Nominierte in der Kategorie Übersetzung

Holger Fock, Sabine Müller: übersetzten aus dem Französischen „Kompass“ von Mathias Énard (Hanser Berlin)
Gregor Hens: übersetzte aus dem Englischen „Shark“ von Will Self (Hoffmann und Campe)
Gabriele Leupold: übersetzte aus dem Russischen „Die Baugrube“ von Andrej Platonow (Suhrkamp)
Eva Lüdi Kong: übersetzte aus dem Chinesischen „Die Reise in den Westen“ (Reclam)
Petra Strien: übersetzte aus dem Spanischen „Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda“ von Miguel de Cervantes (Die Andere Bibliothek)

LiBeraturpreis an Laksmi Pamuntjak

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Unter der Regie der Litprom wird der Preis für Autorinnen aus Afrika, Lateinamerika, Asien und der arabischen Welt vergeben.
Laksmi Pamuntjaks „Alle Farben Rot“ (Leseprobe) ist per Leservotum bestimmt worden. Djafari (Geschäftsführerin der Litprom) spricht den Leserinnen und Lesern ein großes Kompliment aus, sich für einen 672 Seiten starken Roman entschieden und „keine Angst vor dem Unbekannten“ gezeigt zu haben.
„Alle Farben Rot“, das vor allem „in Rottönen schillert“, geht von einem uralten Mythos aus und transportiert ihn ins heutige Indonesien – modelliert die Legende dabei um. Das Schicksal der Hauptfiguren, die Namen von Helden aus dem Mythos tragen, ist eng verknüpft mit einem düsteren, bis heute nicht aufgearbeiteten Kapitel der indonesischen Geschichte, dem Putsch von 1965, „nach dem hunderttausende Kommunisten und Verdächtige ermordet, gefoltert, gefangen gehalten wurden“. Bis heute ist eine Versöhnung der verfeindeten Lager nicht in Sicht.
Die Protagonistin Amba sucht 2006 auf der Gefangeneninsel Buru nach den Spuren ihrer großen Liebe Bhisma, der nach dem Putsch ins dortige Straflager verschleppt wurde − Rückblenden führen bis in die 50er und 60er Jahre. So ist es auch eine „Geschichte mit Leidenschaften“. Aufgrund ihrer historischen Recherchen kann Pamuntjaks Roman „als Einführung in die jüngste Geschichte von Indonesien gelesen werden“. Man versteht damit das Archipel viel besser, „auch weil sie ihre Figuren nicht alle einfach in Schwarz und Weiß malt“. Pamjuntjak, die auch Gedichte, Essays, Kochbücher und für Zeitungen schreibt, hat keine Angst vor der Macht, greift die Zensoren an, fürchtet nicht, „sich die Finger zu verbrennen“.

Die Preisträgerin widmet ihr Buch den Überlebenden der Gefangeneninsel und dankt unter anderem ihrer Lektorin bei Ullstein – und ihrer Übersetzerin aus dem Indonesischen ins Deutsche, Martina Heinschke. Die vielseitig begabte Autorin, die aus einer Verlegerfamilie stammt und zwischen New York und Jakarta pendelt, ist zweisprachig Englisch/Indonesisch aufgewachsen und hat ihr Buch selbst ins Englische übertragen. Angerissen auf der Preisverlehung wurde am Ende auch die aktuelle politische Entwicklung des Inselstaates, in dem der islamische Konservativismus zuletzt stärker zu Tage getreten sei. Pamuntjak räumt ein, dass es im letzten Jahr hinsichtlich der Menschenrechte einen gewissen Rückschritt gegeben hat – so wurde etwa die Todesstrafe wieder eingeführt. Das sei immer ein Warnsignal, auf das Literatur und Gesellschaft reagieren müssen. Hoffnung setzt sie auf die Tradition des toleranten Islam in Indonesien.
Mit „Alle Farben Rot“, dass im Original 2012 erschien, sieht sich die Autorin jedoch nicht als Pionierin in der Aufarbeitung mit der Geschichte Indonesiens seit dem Putsch 1965. Diese hat bereits mit dem Ende des Suharto-Regimes 1998 begonnen. 2012 ist dann der Höhepunkt der Entwicklung gewesen (eine offizielle Entschuldigung steht allerdings noch aus). Ilja Trojanow charakterisiert das Buch als „ein Stück literarischer Trauerarbeit“ und ergänzt: „Bevor die Politik dazu bereit ist, kann die Literatur vorangehen.“

Laksmi Pamuntjak, Alle Farben Rot
Aus dem Indonesischen übersetzt von Martina Heinschke.
672 Seiten, 12,00€, Ullstein Verlag.

Shortlist des deutschen Buchpreises 2016 zum schmöckern

Fremde Seele, dunkler Wald, Reinhard Kaiser-Mühlecker
S. Fischer Verlag

Kommentar der Jury:
Reinhard Kaiser-Mühleckers Figuren sind eingeschlossen in ihre Herkunft, in ihre Sprache. Es gibt kein Entkommen aus der eigenen Vergangenheit, und der Drang, aus der Gegenwart zu entfliehen, wird von der Alternativlosigkeit der Zustände absorbiert. Sie suchen nach Erlösung, ohne es zu wissen. Der äußere Wandel vollzieht sich mit größerer Geschwindigkeit als die innere Bereitschaft dafür. Das erzeugt Hilflosigkeit, Stummheit.
Wie Kaiser-Mühlecker daraus auf eine zutiefst österreichische Art und Weise Literatur entstehen lässt, ist virtuos.

Biografie:
Reinhard Kaiser-Mühlecker, geboren 1982, studierte Landwirtschaft, Geschichte und Internationale Entwicklung in Wien. Sein Debütroman „Der lange Gang über die Stationen“ erschien 2008. Zuletzt erschien „Zeichnungen. Drei Erzählungen“ (2015). Für sein Werk wurde er unter anderem mit dem Preis der Jürgen Ponto-Stiftung, dem Kunstpreis Berlin, dem Österreichischen Staatspreis und dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet.

Widerfahrnis, Bodo Kirchhoff
Frankfurter Verlagsanstalt

Kommentar der Jury:
„Boy meets girl“, das geht auch im vorgerückten Alter. Alles ist möglich, sogar die große späte Liebe, als der Ex Verleger Reither und die Ex-Hutladenbesitzerin Palm mitten in der Nacht, in der sie sich zum ersten Mal begegnet sind, spontan ein Auto besteigen und nach Süden aufbrechen. Ein Moment der Wahrheit für zwei Menschen, die aus Klugheit und Erfahrung radikal genug sind, alles zu wagen. Bodo Kirchhoff ist ein großer Erzähler, dessen Präzision die Phantasie des Lesers stimuliert statt zu sättigen.
Ihm gelingt in diesem sprachlich virtuosen, menschlich berührenden und dabei unprätentiösen Prosawerk die ganz unwahrscheinliche aber literarisch zwingende Verbindung einer melancholischen Liebesgeschichte mit der gar nicht romantischen europäischen Realität der Jetztzeit. Ein makelloses Buch.

Biografie:
Bodo Kirchhoff, geboren 1948, lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee. Zuletzt erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt seine Romane „Verlangen und Melancholie“ (2014) sowie „Die Liebe in groben Zügen“ (2012).

Skizze eines Sommers, André Kubiczek
Rowohlt Berlin

Kommentar der Jury:
Skizze eines Sommers ist DDR Spätzeit-Roman und Zeitpanorama – in Szene gesetzt mit den Mitteln des Jugendromans für Erwachsene. Mit dem Wissen des Gereiften liest man von den Nöten des Jungen. Der Jugend wohnt ein Zauber inne, der sich später nie mehr einstellt. Wir erfahren nebenbei von zwei Gesellschaftsschichten in der damaligen DDR: die Privilegierten und die Einfachen. Der Protagonist erzählt so unschuldig und genauso ist auch die Erzählhaltung. Eine leicht erzählte Coming-of Age-Geschichte mit wunderbar gezeichneten Charakteren.
Ein schönes Buch voller Witz und Tiefe, das man mit Genuss liest.

Biografie:
André Kubiczek, 1969 in Potsdam geboren, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. 2002 erschien sein Roman „Junge Talente“, 2003 „Die Guten und die Bösen“. Es folgten „Oben leuchten die Sterne“, „Kopf unter Wasser“ und „Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn“. 2007 wurde André Kubiczek mit dem Candide-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien „Das fabelhafte Jahr der Anarchie“ (2014).

Die Welt im Rücken, Thomas Melle
Rowohlt Berlin

Kommentar der Jury:
Dieses Buch erzählt von der verwundbaren Conditio Humana in unseren Zeiten. Dieses Buch tut weh, es erschüttert und es ist manchmal irrsinnig komisch. Thomas Melle berichtet von der Krankheit seiner seelischen Störung. Mit irrlichternder Präzision
beschreibt er sein im Neuronenfeuerwerk verrücktes Selbst. Kongenial übersetzt er die wahnwitzige Wahrnehmungsverschärfung seiner paranoiden Psychose in grandiose Literatur.
Mit der Chronik seiner manisch-depressiven Schübe, die ihn
durch Clubs, Konzerthallen und Kliniken treiben, zeichnet Melle
wie nebenbei ein Stimmungsbild der popkulturellen Gegenwart.

Biografie:
Thomas Melle, 1975 geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Austin (Texas) und Berlin. Er ist Autor vielgespielter Theaterstücke und übersetzte u. a. William T. Vollmanns Roman „Huren für Gloria“. Sein
Debütroman „Sickster“ (2011) war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde mit dem Franz-Hessel-Preis ausgezeichnet. 2014 folgte der Roman „3000 Euro“, der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. 2015 erhielt Thomas Melle,
der in Berlin lebt, den Kunstpreis Berlin.

Ein langes Jahr, Eva Schmidt
Jung und Jung

Kommentar der Jury:
19 Jahre hat die mehrfach ausgezeichnete, in Bregenz lebende Schriftstellerin kein Buch veröffentlicht. Und nun legt sie diesen schmalen Roman vor. In 38 Episoden erzählt sie aus wechselnden Perspektiven von Bewohnern ihrer Stadt. Es sind Kinder, Alte, alleinstehende Frauen, ein Obdachloser. Beziehungen zwischen diesen Figuren bahnen sich an und kommen nur zart oder dann doch nicht zustande, Pläne werden nicht ausgeführt oder scheitern, alles geschieht hier leise und immer wieder glitzert der Bodensee dazwischen. Die Sprache ist zurückhaltend, kein Wort ist zu viel.
Der melancholische Text erfordert Aufmerksamkeit, wofür mensch als Leser jedoch reich belohnt wird.

Biografie:
Eva Schmidt, geboren 1952, lebt in Bregenz, Österreich. Sie hat neben Erzählungen in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften drei Bücher veröffentlicht, zuletzt „Zwischen der Zeit“ (1997). Sie erhielt diverse Stipendien und Literaturpreise, darunter den Rauriser Literaturpreis (1986), den Hermann-Hesse-Förderpreis (1988) und den Nicolas-Born-Preis (1989). „Ein langes Jahr“ ist ihr erstes Buch seit fast 20 Jahren.

Hool, Philipp Winkler
Aufbau Verlag

Kommentar der Jury:
Heiko Kolbe ist ein Held, wie es ihn so in der Literatur noch nicht gab. Er stammt aus zerrütteten Verhältnissen, hat aber eine Ersatzfamilie: eine unbedingt an die reinigende Kraft der Klopperei glaubende Schlägergang. Heiko ist Hooligan. Fußball?
Unwichtig. Wichtig ist die körperliche Triebabfuhr, der Zusammenhalt der Gruppe, die Verlässlichkeit, die ungeschriebenen Regeln der Keile. Philipp Winkler schreibt in eindringlichen Szenen von der Lebens- und Adrenalingier der „Hools“ und von
einer Kultur der Gewalt, in der Außenseiter ihre Sprache finden.
Mit seinem krachenden Debüt gelingt Winkler ein Milieuroman, der nichts verherrlicht, der hart ist, traurig und manchmal auch komisch.

Biografie:
Philipp Winkler, 1986 geboren, wuchs in Hagenburg bei Hannover auf. Er studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und lebt heute in Leipzig. Auslandsaufenthalte im Kosovo, in Albanien, Serbien und Japan. Neben Veröffentlichungen in Literaturmagazinen und -anthologien, erhielt er 2008 den Joseph-Heinrich-Colbin-Preis und 2015 für Auszüge aus „Hool“ den Retzhof-Preis für junge Literatur des Literaturhauses Graz.
„Hool“ ist sein Debütroman.

Preisträger*innen Leipziger Buchpreis 2016

Kategorie Übersetzung:

Brigitte Döbert: übersetzte aus dem Serbischen „Die Tutoren“ von Bora Ćosić (Schöffling & Co.) Was für Irland Joyces „Ulysses“, ist für Serbien „Die Tutoren“: ein avantgardistisches, fast unübersetzbares Meisterwerk voller Wortspiele und Stilbrüche, ein experimentelles Labor der Sprache – aber dabei hochkomisch!
Im Mittelpunkt steht eine in Slawonien angesiedelte Familienchronik, die auf vielfältige Weise erzählt wird: anhand einer Rauferei in einer Kneipe, in Form eines Lexikons oder als Beratungsgespräch in einer Buchhandlung. Dabei hat der Erzähler als leidenschaftlicher Sammler kurioser Phänomene ein besonderes Augenmerk für Alltagsdinge.

Kategorie Belletristik:

Guntram Vesper: „Frohburg“ (Schöffling & Co.) FROHBURG ist ohne Zweifel das opus magnum von Guntram Vesper, zugleich für den Autor der Ausgangspunkt von allem: Der Ort seiner Geburt 1941, Jugend, Aufwachsen und Erwachen, die Flucht der Familie 1957, das umliegende Land die Folie der Geschichtsbetrachtung einer deutschen Epoche. Hier werden ein Land und eine Zeit gültig festgehalten, Kultur und Politik, Krieg und Nachkrieg, ein umfassendes, großartiges Portrait deutschen Lebens im zwanzigsten Jahrhundert; ein gewaltiges Prosawerk, das neben die großen Bücher von Peter Kurzeck, Walter Kempowski und Uwe Johnson zu stellen ist. FROHBURG ist ein Füllhorn an Geschichten, zumeist aus eigenem Erleben grundiert, eine große autobiographische Erzählung, ein Welt-Buch im Überschaubaren, ein Geschichts- und Geschichtenpanorama, wie wir schon lange keines hatten.

Kategorie Sachbuch/Essayistik:

Jürgen Goldstein: „Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt“ (Matthes & Seitz) Georg Forster (1754-1794) war eine der faszinierendsten Gestalten
seiner Zeit: glänzender Schriftsteller, Naturforscher, Entdecker,
Zeichner, Übersetzer und entschiedener Revolutionär.