unsere Lieblingsbücher

Tarjej Vesaas: Die Vögel (Guggolz 2020, Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel)

Der Roman »Die Vögel« erzählt von dem Außenseiter Mattis, der sich in eine kindliche innere Welt zurückgezogen hat und von den anderen Dorfbewohnern als zurückgeblieben verlacht wird. Seinen Lebensunterhalt versucht er mit kleinen Hilfsarbeiten auf dem Feld und im Wald zu bestreiten. Mattis lebt in einer Hütte am See mit seiner Schwester Hege, die den Haushalt führt und ihn versorgt, und er fühlt sich mit der Natur ringsum verbunden. Besonders ziehen ihn die Waldschnepfen an, deren frühlingshaften Balzflug er als Zeichen sieht, als Verheißung, die er nicht entschlüsseln kann. Als eines Tages der Holzfäller Jørgen auftaucht, sich in Hege verliebt – und dann auch noch eine Schnepfe erschossen wird, wirft es Mattis aus der Bahn.

Erzählt wird sparsam, doch finden sich alle Aspekte menschlicher Sehnsüchte, Hoffnungen, Abgründe und Verlorenheiten in diesem großartigen Roman.


Laurent Binet: Eroberung (Rowohlt 2020, Übersetzung: Kristian Wachinger)

Was, wenn in der Geschichte Europas zwei Dinge anders gelaufen wären? Erstens: Die Wikinger wären mit Pferden und eisernen Waffen bis nach Südamerika gesegelt. Zweitens: Kolumbus wäre nie aus Amerika zurückgekehrt. In diesem Fall erobern die Inkas Europa. Sie landen im 16. Jahrhundert in Portugal, besiegen Karl V. in Frankreich und die Anhänger der Inquisition in Spanien. In Deutschland helfen ihnen die Fugger, das viele Gold zu verteilen. Im Herzen von Paris wird eine Pyramide errichtet, in Wittenberg schlägt man nach Luthers Tod die „95 Thesen der Sonne“ an. Federschmuck ziert die Häupter der Europäer, auf den Feldern wächst Quinoa, Schafe sind heilig…

Eine spannende, humorvolle Auslotung des Verhältnisses von Fiktion und historischen Begebenheiten. Was könnte sein, wenn Europa den Lehren des Inkahäuptlings Atahualpa statt kapitalistischen Ideologien gefolgt wäre.


Ava Farmehri, Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen (Edition Nautilus 2020, Übersetzung Sonja Finck)

In berückend schöner, kraftvoller Sprache entfaltet Ava Farmehri eine Geschichte von Realitätsflucht, Unterdrückung und Isolation – makaber, so wie der Buchtitel, und magisch zugleich.

„Ich wurde in Gefangenschaft geboren. Ich wurde am 1. April 1979 in Teheran geboren, am selben Tag wie die Islamische Republik.“

Sheyda Porroyas Tage sind gezählt. Sie sitzt im Todestrakt eines iranischen Gefängnisses – es ist das Jahr 1999, sie ist zwanzig Jahre jung. Ihre Erzählung, die zwischen Rückblicken auf ihre Kindheit und Jugend und dem barbarischen Alltag im Gefängnis hin- und herwechselt, ist voller Phantasie: Wachsen ihr wirklich Engelsflügel aus den Schulterblättern? Hat sie wirklich ihre Mutter getötet? Oder ist sie vielleicht wahnsinnig?

Schon als Kind flüchtet sich Sheyda in eine Traum- und Wahnwelt und gewinnt in der repressiven Umgebung, in der sie aufwächst, immerhin eine Art Narrenfreiheit. Ungeliebte Tochter unglücklicher Eltern, Sonderling ohne Freunde und einzig zur grenzenlosen Liebe begabt.

Ava Farmehri lebt in Kanada. Sie ist im Nahen Osten aufgewachsen, umgeben von Büchern, Katzen und Krieg. Sie liebt Bücher. Sie liebt Katzen. Sie hasst Krieg. Sie hasst Krieg leidenschaftlich. „Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen“ ist ihr erster veröffentlichter Roman. Sie schreibt unter Pseudonym.

„Monate vor meiner Geburt erschien der Tod auf den Straßen Irans. Im Narrenkostüm eines Rattenfängers rief er die Kinder bei ihrem Namen, spielte auf seiner magischen Flöte und lockte sie in den Fluss, wo sie ertranken. Bildhübsche Mädchen räumten ihre Miniröcke in den Schrank und bügelten einen Tschador, der schwarz war wie ihre Tränen. Flochten ihr langes Haar zu Altfrauenzöpfen. Es war die Zeit der Cordhosen, Pluderhosen, Schlaghosen, der Armreifen und Jumpsuits, der Stirnbänder und Makramé-Gürtel, der Römersandalen und Batik-T-Shirts, die Zeit, in der langhaarige Europäer beiderlei Geschlechts Friedensplakate in die Höhe reckten und in grünen Ford Cortinas oder himmelblauen Rovers nach Katmandu fuhren. Es war die Zeit von »Kung Fu Fighting« und »Greased Lightning«, von Abba und den Bee Gees. Es war die Zeit von amerikanischen Nachbarn, mit denen wir alles teilten, Freundschaft und Essen, Leben und Geschichten, die Zeit, bevor wir unsere Schwerter zogen und sie als Geiseln nahmen, bevor sie uns Terroristen nannten und drohten, bei uns für Ordnung zu sorgen. Es war die Zeit, in der Frauen nicht fürs Verliebtsein gesteinigt wurden, Männer nicht für ihre Meinung gehängt wurden, Schultern nicht ausgepeitscht wurden, weil sie nackt waren, Haar nicht dafür bestraft wurde, weil es schön war, Träume nicht erstickt wurden, weil sie Träume waren, und Flügel nicht gestutzt wurden, weil sie fliegen wollten. Aber ich war damals noch nicht da, um all das zu sehen. Ich bin zu spät geboren. Als ich die Augen in dieser finsteren Welt aufschlug, war eine Dynastie zerschlagen worden. Eine Weste war dreckiggewaschen und ein Land saubergeraubt worden.“


Hiromi Goto, Chor der Pilze (Casa 2020, Übersetzung: Karen Gerwig)

Der 1994 in Kanada erschienene Roman erzählt auf drei Ebenen über kulturelle Identität, Feminismus, Rassismus und die Bedeutung von Sprache.

Natürlich spricht sie die neue Sprache, auch wenn keiner in der Familie das glaubt. Dabei könnte sie, wenn sie wollte, im Kopfstand Shakespeare zitieren, bis sie Nasenbluten bekommt, behauptet die alte Dame. Sie ist vor zwanzig Jahren aus Japan eingewandert, sitzt unverrückbar im Flur ihres kanadischen Hauses und beobachtet alles. Als sie ins Heim soll, macht sie sich mitten in einem Schneesturm davon, geht mit einem jungen Trucker, der sie aufliest, auf einen Roadtrip. Niemand weiß, wo sie sich aufhält – außer ihrer Enkelin Muriel, eine junge, schon in dem neuen Land geborene Frau, mit der die Großmutter in ständiger telepathischer Verbindung steht.


Hallgrímur Helgason: 60 Kilo Sonnenschein (Tropen 2020, Übersetzung: Karl-Ludwig Wetzig)

Halgrímur Helgason erzählt die Geschichte von Gestur, einem unehelichen Bauernsohn aus einer isländischen Siedlung am Fjord Segulfjörður. Während er bei immer neuen Ziehvätern heranwächst, schließlich selbst Vater wird, erwacht auch das moderne Island. Große Fischfänger steuern eines Tages den Hafen an, bringen Exotisches und Fremdes aus dem Umland und der weiten Welt. Mit den Waren kommen auch neue Werte, neue Moden und Gefühle ins kalte und tief verschneite Segulfjörður.

Der Roman mischt ein realistisches Bild vom harten Leben der Isländer*innen Anfang des 20. Jahrhunderts mit Hinweisen auf die Kolonialisierungsgeschichte, der wirtschaftlichen Entwicklung Islands mit skurrilen Einfällen und Situationskomik – sehr lesenswert.


Louise Penny: Die Inspektor Gamache-Reihe

Der erste Fall: Das Dorf in den roten Wäldern (Kampa Verlag, Übersetzung: Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck)

Rückblende: Wie ist Gamache eigentlich zu seinem Wochenendhaus in Three Pines gekommen? Als er noch nicht Polizeichef von Québec war, sondern nur Chef der Mordkommission in Montréal, führte ihn ein Fall in das charmante Dorf mitten in den kanadischen Wäldern, wo jeder jeden kennt und man auf seine Nachbarn zählen kann. Die Idylle wird jäh zerstört, als am Erntedankfest, einem leuchtend klaren Herbsttag, die Leiche von Jane Neal gefunden wird – getötet durch den Pfeil einer Armbrust. Es kann sich nur um einen Jagdunfall handeln, denn wer hätte einen Grund gehabt, die pensionierte Lehrerin umzubringen?Inspector Gamache muss die Sache aufklären, damit der Dorffrieden wiederhergestellt wird. Dabei wird er nicht nur den Mörder finden, sondern auch Freunde, wie die Buchhändlerin Myrna, die schrullige alte Dichterin Ruth oder Gabri und Olivier, das schwule Paar, das die Pension im Dorf führt. Und Gamache schließt Three Pines bei seinen Ermittlungen so sehr ins Herz, dass aus dem Tatort ein Sehnsuchtsort für ihn wird.

Weitere Informationen zur Reihe https://kampaverlag.ch/louise-penny


Thomas Taylor, Malamander – Die Geheimnisse von Eerie-on-Sea (Hanser Verlag 2020, Übersetzung Claudia Max)

Herbie, Violet und Hakenhand – Thomas Taylor erzählt ein rasantes Abenteuer voll eigenwilliger Gestalten. In Eerie-on-Sea ist das Unmögliche möglich!

Wenn du zum ersten Mal nach Eerie-on-Sea kommst, siehst du nichts als einen verschlafenen Badeort. Doch der Schein trügt. Vor der Küste treibt der Malamander sein Unwesen. Jeder hier ist dem legendären Seeungeheuer auf der Spur, aber jeder aus einem anderen Grund. Es gibt Mrs Hanniver von der Bücher-Apotheke, die für jedes Unglück die richtige Lektüre zur Hand hat. Es gibt Hakenhand, vor dem du dich besser in Acht nimmst. Vor allem aber gibt es Herbie Lemon, den 12-jährigen Sachenfinder aus dem Grand Nautilus Hotel, der jedes Fundstück zurück in die richtigen Hände bringt. Eines Tages findet er ein Mädchen: Violet ist wild entschlossen, den Malamander aufzuspüren – er ist die letzte Verbindung zu ihren verschollenen Eltern.

Thomas Taylor, 1973 geboren, wuchs an der Küste von Wales auf. Nach seinem Studium an der Kunstakademie illustrierte er zunächst Bücher und gestaltete unter anderem das englische Cover zu J. K. Rowlings „Harry Potter und der Stein der Weisen“. Schließlich begann er selbst Bücher zu schreiben.

Er lebt in der Nähe der südenglische Stadt Hastings. Und ihr werdet das raue Seeklima und die Meereswellen von dieser Stadt im Buch spüren können.

„Wahrscheinlich warst du schon mal in Eerie-on-Sea und hast es bloß nicht gewusst.

Es war Sommer. Es gab Eiscreme, und da waren Liegestühle und eine Möwe, die dir die Pommes gemopst hat.

Es ist so ein Ort. Im Sommer.

Aber du solltest mal hier sein, wenn die ersten Winterstürme toben und die Buchstaben C und H vom Pier wehen, so wie immer im November. Und das fröhliche Cheerie-on-Sea zum düsteren heulenden Eerie-on-Sea wird. Wenn Schwaden von Meernebel wie riesige gespenstische Tentakel die Straßen hinaufziehen und die Salzwassergischt an den Fenstern des Grand Nautilus Hotels rüttelt. Dann kommen kaum noch Besucher nach Eerie-on-Sea. Und selbst die Einheimischen meiden den Strand, sobald es dunkel wird und der Wind um die Maw Rocks heult, die wie steinerne Zähne in einem großen Maul aus dem Wasser ragen, und um das Wrack des Schlachtschiffes Leviathan, wo man – schwören manche – den ölverschmierten Malamander herumkriechen sieht.

Aber vermutlich glaubst du nicht an den Malamander. Vielleicht denkst du, so etwas wie einen Fischmenschen kann es nicht geben. Und das ist in Ordnung. Halte dich an Eiscreme und Liegestühle. Vielleicht ist die Geschichte sowieso nichts für dich. Ja, tu dir einen Gefallen und lies nicht weiter. Klapp dieses Buch zu und steck es in eine alte Blechdose. Wickle eine schwere Kette darum und wirf sie vom Pier. Vergiss, dass du jemals von Eerie-on-Sea gehört hast. Kehr zu deinem normalen Leben zurück – werde erwachsen, heirate, gründe eine Familie. Und wenn deine Kinder laufen können, fahr mit ihnen einen Tag ans Meer. Im Sommer natürlich.

Macht einen Strandspaziergang, und findet selbst eine merkwürdige Muschel. Bückt euch und hebt sie auf. Allerdings hängt sie an etwas…An einer alten Blechdose. Das Schloss ist abgerissen und die Kette verschwunden. Hat das Meer das getan? Ihr öffnet die Dose und stellt fest …

… dass sie leer ist. Nur Seepocken und Tang und noch etwas. Etwas wie … Schleim?

Ihr hört ein Geräusch hinter euch – ein Geräusch wie näher kommende Schritte. Glibberige Schritte, die wie Flossen klingen und näher kommen.

Ihr dreht euch um.

Was seht ihr? Wirklich?

Tja, vielleicht ist diese Geschichte ja doch was für dich.


Camille Jourdy: Die Vunderwollen (Reprodukt 2020, Übersetzung: Annette von der Weppen)

Schönes Wetter für ein Picknick! Aber nicht für Jo, die den Eltern und den großen Stiefschwestern eine Weile entkommen will und sich allein in den Wald aufmacht. Dort trifft sie unversehens auf ein Königspaar – in Zwergengröße! Fasziniert folgt sie ihnen durch einen Tunnel in ein Land voller wundersamer Gestalten: aufrecht gehende Füchse und Katzen, Kobolde, Zyklopen, sechsbeinige Hunde und mysteriöse Vunderwollen!

Eine beeindruckend gezeichnete und erzählte Geschichte voller Überraschungen für alle ab 8 Jahren.

Leseprobe:https://www.reprodukt.com/Produkt/kindercomics/die-vunderwollen/


Ulrich Hub, An der Arche um Acht (FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch 2017)

Ein Klassiker für Jung und Alt mit viel Humor.

Drei Pinguine erleben auf der Arche Noah ihr ganz eigenes Abenteuer: Sie wollen alle drei mit auf Noahs Schiff, obwohl es nur für zwei von jeder Tierart Platz gibt. Auf ihrer turbulenten Reise müssen die Pinguine nicht nur ihre Freundschaft beweisen, sondern auch einige große Fragen beantworten, die sie sich sonst vielleicht gar nicht gestellt hätten: Ist der liebe Gott wirklich lieb? Sieht er tatsächlich alles? Auch den kleinen Pinguin, der als Dritter im Bunde versucht mitzukommen, obwohl das nicht erlaubt ist?

Auf charmante Art werden die großen Fragen des Universums von einer ganz neuen Seite beleuchtet, unter anderem die, ob Noah gerne Käsekuchen isst – und wenn ja: mit oder ohne Rosinen?


Leo Timmers: Wo steckt der Drache (aracari 2020, Übersetzung: Eva Schweikart)

Bis auf die Zähne bewaffnet gehen drei Ritter mitten in der Nacht auf die Suche nach einem Drachen. Bald finden sie das gefährliche Tier. Aber im Dunkeln ist nichts so, wie es scheint …

Ein großer Spaß für alle ab 3 Jahren


Anke Kuhl: Geniale Geschenke (Kibitz 2020)

„Alles Gute!“ Was könnte es Schöneres geben, als bei alten Freunden zum Geburtstagstee vorbeizuschauen? Kuchen, Kerzen und Geschenke, alles ist angerichtet für einen gemütlichen Nachmittag. Nur der Gastgeber will sich so gar nicht benehmen wie ein Geburtstagskind. Mag er vielleicht keine Blumen? Oder keinen Besuch? Oder mag er am Ende… mich nicht mehr?!

Leseprobe und mehr Informationen zum Verlag:https://www.kibitz-verlag.de/bücher/geniale-geschenke/