
Harry Martinson (1904–1978) schrieb über das unermesslich Große und das stecknadelgroß Kleine, das Nahe und das Ferne.
In »Aniara«, seinem 1956 verfassten legendären Weltraumepos in 103 Gesängen, begleitet er eine Gruppe von Menschen, die sich ihrem eigenen und dem Ende der Welt stellen müssen. Mit dem Raumschiff Aniara waren sie auf dem Weg zum Mars, wohin sie von der durch Atomkrieg und Ausbeutung unbewohnbar gewordenen Erde evakuiert werden sollten. Doch die Aniara ist außer Kontrolle geraten und taumelt nun mitsamt ihren Insassen durchs All. Ohne Ziel, ohne Aussicht auf Rettung. Und menschliches Leben wird nur noch möglich sein, solange die Sauerstoffreserven ausreichen.
Erzählt wird dies aus der Perspektive des Crewmitglieds Mimarobe, deren Aufgabe es ist, eine Künstliche Intelligenz namens Mima zu betreuen, die im Lauf der jahrelangen Reise zu einem der wichtigsten Orte auf dem Schiff wird. Aber Mima ist nicht einfach eine Maschine, sondern hat auch ein Bewusstsein. Die Künstliche Intelligenz leidet mit der Zeit unter den immer finsteren und verzweifelter werdenden Gedanken und Empfindungen der Menschen und kollabiert schließlich. Bis plötzlich wieder Hoffnung aufkommt, als eine Versorgungsrakete mit Treibstoff gesichtet wird. Kann das die Wende sein? Wobei zugleich auf der Aniara auch tiefe Freundschaften und (nicht nur heteronormative) Liebesbeziehungen voller Leidenschaft und Solidarität entstehen
Geschrieben vor dem historischen Hintergrund von Hiroshima und der Wasserstoffbombe, den Gräueln der Weltkriege und der Zerstörung der Natur, wirft Harry Martinson all seine poetische Kraft in die Waagschale, um uns tief in die spirituelle und existenzielle Verzweiflung der Menschen eintauchen zu lassen, die der versagenden Technik und den Auswirkungen ihrer eigenen Rücksichtslosigkeit ausgeliefert sind. Wie lässt sich in dieser Ausnahmesituation noch Trost, Sinn und innerer Friede finden?