Lea Ypi, Professorin für politische Theorie in London, die sicher vielen schon von ihrem sehr lesenswerten „Frei“ bekannt sein dürfte, erzählt in ihrer neuen Veröffentlichung vom Leben ihrer Großeltern, besonders von ihrer Großmutter Leman.
Leman kommt aus einer alten osmanischen Beamtenfamilie aus Saloniki, ihre Familie gehört einer albanischen Minderheit in Griechenland an, die sich durch die politischen Wirren gezwungen sieht, Griechenland zu verlassen. Sie zieht nach Tirana und freundet sich mit ihrem späteren Mann Asllan Ypi an, beide sind politisch interessiert und bewegen sich in Zirkeln, die miteinander diskutieren, streiten, Bücher lesen und versuchen eine bessere Welt zu erschaffen. Einer der Kommilitonen Asslans ist Enver Hodscha, von dem Leman in erster Linie seinen ekligen Geruch nach Zwiebeln und Rauch erinnert, doch diese Bekanntschaft wird die Familie nicht schützen vor den Nachstellungen, als Hodscha an der Macht ist. Es handelt sich um eine weitverzweigte Familiengeschichte, die sich über Ländergrenzen hinweg (Türkei, Griechenland, Frankreich, Schweiz, Deutschland und Albanien) zieht und deren politischen, geschichtlichen, kulturellen wie auch sozialen Hintergründen mindestens ebenso im Mittelpunkt stehen wie die Geschichte der Ypis.
Der Autorin gelingt ein spannungsreiches Memoir, das ausgeht von einer Recherche: Lea Ypi sieht sich durch ein Foto ihrer Großeltern aus dem Jahr 1941, das diese bei einer Sommerfrische im Italien der Mussolinizeit zeigt, dazu herausgefordert, herauszufinden was damals wirklich los war. So geht sie nach Albanien, forscht in alten Akten, spricht mit Verwandten, liest Geschichtsbücher, erinnert sich an die eigenen Gespräche mit ihrer Großmutter, als sie selbst noch ein Kind war. Sie lässt uns an dieser detailreichen, immer interessanten Recherche teilhaben. Diese multiethnische Welt, diese Zeit als so vieles noch offen war, diese Hoffnungen auf ein gutes Leben, aber auch die Brutalitäten, Grausamkeiten und Enttäuschungen die die Weltpolitik, der fast schon international zu nennende Faschismus werden durch den Fokus auf eine Familie sehr anschaulich erzählt.
Ein sowohl spannende Familiengeschichte wie auch ein lehrreiches Geschichtsbuch!