Tomer Gardi, Liefern
Tomer Gardi, geboren 1974 in einem israelischen Kibbuz, lebt als Schriftsteller in Berlin. Für den Roman "Eine runde Sache" erhielt er 2022 den Preis der Leipziger Buchmesse. Für "Liefern" hat Tomer Gardi über drei Jahre in sechs Städten vor Ort recherchiert.
Der Titel passt gut, denn es geht wirklich ums „Liefern“, genauer gesagt um das Leben von Menschen, die für Lieferdienste arbeiten. Verwoben mit dem Leben derer, die sich Essen liefern lassen.
Verschiedenste Schicksale, unterschiedliche Menschen in mehreren Erdteilen – dennoch eint sie die prekäre Lebenssituation.
Der Roman spielt abwechselnd in Istanbul, Buenos Aires, Berlin, Neu-Delhi und Tel Aviv. Die Erzählstränge werden durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten, in der zwei Deutsche zu einer Haartransplantation nach Istanbul reisen und dort auf einen Lieferdienstfahrer treffen, der ihnen sein Leben erzählt.
Mit viel Sachkenntnis, aber auch Fantasie und Humor entwickelt Gardi ein Kaleidoskop von Erzählungen, die ob ihrer Tragik tief berühren und fesseln.
Sie bereichern uns Lesende, weil sie uns Leben, mit denen wir zwar immer wieder konfrontiert sind, sei es auf der Straße oder beim Beliefert werden, sehr nahe bringen.
Das mag nach einer Art Sachbuch, nach einer Sozialreportage klingen, doch tatsächlich handelt es sich um einen klug konzipierten und packenden Roman. Wir lernen Filmon aus Eritrea, der sich in Tel Aviv durchschlägt, kennen und seine in Berlin lebende Frau, die wiederum bei Nina Deutsch lernt; diese Nina verliebt sich in Indien in Ramon aus Buenos Aires. Wie das zusammenhängt mit Filmon und einer indischen Lieferfahrerin und wie die Frau, die in Kenia auf einer Blumenfarm arbeitet und ihre Würde bewahren wird, in die Geschichte passt, das müssen Sie unbedingt selbst lesen.
Tomer Gardi hat dieses Buch zum größten Teil selbst auf Deutsch verfasst, nur ein Kapitel wurde von Anne Birkenheuer aus dem Hebräischen übersetzt.